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Etruskische Zentralorte
Siedlungsgenese und Urbanisierung in Etrurien und bei den benachbarten nord- und ostitalischen Völkerschaften
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Projektbeschreibung



Projektbeschreibung


Im Zentrum des geplanten Vorhabens stehen Etrurien und seine Zentralorte. Entscheidend ist dabei die Bestimmung der Siedlungsmerkmale etruskischer Zentralorte. Erst wenn diese herausgearbeitet sind, läßt sich ein Vergleich mit den benachbarten Kulturkreisen (Kelten und Griechen) anstellen. Eine Vergleichsstudie zur Entstehung von Zentralorten bzw. zu Urbanisierungsprozessen im etruskischen Bereich ließe sich dabei nicht nur speziell im Rahmen des SPP nutzbar machen, sondern könnte darüber hinaus einen wesentlichen Beitrag zu einem aktuellen Grundlagenthema in der Siedlungsarchäologie der Mittelmeerwelt leisten: Angesichts der in den letzten zehn Jahren durch Feldforschungen vor allem in Kleinasien und im griechischen Mutterland stark angewachsenen Materialbasis ist die Frage nach den Bedingungen und Faktoren, die zur Entstehung von Zentralorten/städtischen Siedlungen führten, immer stärker ins Zentrum der Altertumswissenschaft gerückt. Eine Studie zur Siedlungsgenese und Urbanisierung in Etrurien ist vor diesem Hintergrund ein Desiderat der Forschung. Sind die Bedingungen für einen Vergleich zwischen den keltischen „Fürstensitzen“ und etruskischen (und griechischen) Zentralorten erfüllt, so stellt sich außerdem die Frage nach dem Charakter keltischer Zentralorte. Was haben die Zentralorte der Späten Hallstatt-/Frühen Latène-Zeit mit den zeitgleichen etruskischen und griechischen Zentren gemein bzw. worin unterscheiden sie sich von diesen? Mit Blick auf die keltischen Siedlungen bzw. auf Zentralisierungsprozesse nördlich der Alpen geht es letztlich um die Überprüfung der von Bernhard Hänsel für die Vor- und Frühgeschichte und vom Antragsteller für die antiken Kulturen aufgestellten siedlungsgeographischen Zentralort-/Stadtkriterien. Zu fragen ist dabei nach den politischen, sozialen, ökonomischen und topographischen Bedingungen und Voraussetzungen, welche die Entstehung von Zentralorten in einem bestimmten Zeitraum förderten bzw. bewirkten. Eine getrennte Untersuchung der Siedlungsgenese im griechischen und etruskischen Bereich wird nicht nur dadurch nahegelegt, weil das für beide Kulturräume inzwischen zur Verfügung stehende Material immens angewachsen ist, sondern vor allem auch deshalb, weil sich die Verhältnisse beispielsweise in den griechischen Kolonien des westlichen Mittelmeerraums (Unteritalien, Südfrankreich) von denjenigen in Etrurien unterschieden, mithin die Entstehungsbedingungen jeweils unterschiedlich gelagert waren. Bezüglich der Entstehung und Entwicklung antiker Zentralorte erweist sich als besonderer Vorzug, daß im griechischen Mutterland und insbesondere in Kleinasien in der vergangenen Dekade durchgeführte Siedlungs- und Feldforschungen umfangreiches Vergleichsmaterial zur Verfügung stellen. Für manche Regionen können nicht nur das Spektrum der Siedlungstypen, deren Funktionen und somit die Siedlungshierarchie, sondern auch die Wirtschaftsformen bestimmt werden. Beispielsweise läßt sich jetzt schon prinzipiell feststellen, daß archaische Akropolissiedlungen in Griechenland und Kleinasien Exempel für unterschiedliche funktionale Bestimmungen bieten bzw. ähnliche Fragen aufwerfen wie die keltischen Siedlungsplätze: Handelt es sich um protourbane Siedlungen, um Wohnsitze einer sozialen Elite um einen „Fürsten“ herum, oder um Fluchtburgen bzw. um Mischformen aus diesen Siedlungstypen? Die mittelmeerischen und insbesondere die etruskischen Zentralorte bieten also Vergleichsmaterial für die Beurteilung keltischer Höhensiedlungen an.
Einige bislang erzielte Forschunsgergebnisse zur siedlungsgeschichtlichen Entwicklung in Etrurien und Großgriechenland können einen Eindruck vom Nutzen entsprechender Vergleichsstudien zu Zentralisationsprozessen/Stadtwerdung vermitteln. Die Beantwortung der Frage, ob bzw. inwieweit etruskische (und/oder griechische) Siedlungskonzepte als Matrix bei der Anlage keltischer Fürstensitze dienten, erfordert eine zusammenfassende Auswertung des Materials.
  • Von der Forschung bereits herausgearbeitet sind die für die Anlage etruskischer und griechischer Städte wesentlichen topographischen Kriterien. Bezüglich der Siedlungslagen lassen sich beispielsweise zwischen etruskischen und griechischen bzw. unteritalisch-westgriechischen Zentralorten markante Unterschiede ausmachen.
  • Die Entstehung von Zentralorten bzw. die Entwicklung von Städten läßt sich sowohl in Großgriechenland als auch in Etrurien zeitlich und entwicklungsgeschichtlich nachzeichnen. Befestigungsweisen und Siedlungskonzepte in Etrurien (Rastersystem in Marzabotto oder in Orvieto) weisen auf Kenntnis des unteritalisch-griechischen Bereichs hin. Bislang wurde aber weder für die etruskischen noch für die griechischen Zentralorte eine Siedlungstypologie erstellt.
  • Im 8. Jahrhundert v. Chr. ist eine beschleunigte kulturelle Entwicklung in Etrurien festzustellen, die mit einer Siedlungskonzentration in den späteren etruskischen Hauptorten sowie besonders mit einer Öffnung gegenüber dem östlichen Mittelmeerraum verbunden war.
  • Zeitgleich mit der Entfaltung der etruskischen Zivilsation setzte im Süden des italischen Stiefels die griechische Kolonisation ein. Der Import der griechischen Kultur akzelerierte auf italischem Boden die Siedlungsentwicklung. Die Griechen vermittelten nicht nur Erzeugnisse, sondern auch Techniken und Ideen; inwieweit auch Siedlungskonzepte zur Debatte standen, muß im Rahmen des geplanten Vorhabens geprüft werden. Der griechische Einfluß machte sich freilich erst ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. bemerkbar, als die etruskische Kultur in ihre sogenannte orientalisierende Phase trat.
  • Die Siedlungs- bzw. Stadtgenese verlief innerhalb Etruriens nicht homogen. Die kulturell-zivilisatorischen Entwicklungen erfolgten in Südetrurien – sicherlich aufgrund der größeren Nähe zum griechischen Unteritalien – rascher als in Nordetrurien. Die südetruskische Welt war in der archaischen Zeit eng mit dem griechischen Kosmos vernetzt, erkennbar besonders an den großen Mengen an griechischer Keramik, welche die südetruskischen Nekropolen lieferten (diese stellen bekannterweise den reichsten Fundort an griechischer Keramik überhaupt dar). Der Kontakt mit der griechischen Welt dürfte über die Häfen der südteruskischen Städte wie Caere oder Graviscae verlaufen sein.
  • Im fortschrittlicheren Südetrurien entwickeln sich auf Kosten zahlreicher kleiner, z. T. aufgelassener Siedlungen flächenmäßig große Zentren von mehr als 100 ha mit einer allerdings lockeren, eher eine Ansammlung von Dörfern/Weilern darstellenden Bebauung. Die Vermutung, daß in diesen Zentren mehr als 10.000 Einwohner gelebt hätten, dürfte die tatsächlichen Verhältnisse weit übertreiben.
  • Das Erstarken und Anwachsen der etruskischen Siedlungen im 6. Jahrhundert v. Chr. bedeutete zugleich den Verfall vieler frühetruskischer Orte im Binnenland. Dies wirft generell Fragen nach den möglichen Konsequenzen einer Zentralisierungsdynamik auf.
  • Die Entwicklung der etruskischen Hausarchitektur läßt sich in ihren wesentlichen Stufen nachzeichnen (sie führt zur etruskischen Eigenschöpfung des Atriumhauses). Die Urbanistik und Infrastruktur etruskischer Siedlungen ist durch Ausgrabungen und Nachbildungen in Gräbern ansatzweise bekannt (allerdings ist bislang keine etruskische Siedlung/Stadt systematisch bzw. vollständig ausgegraben). Ist ein Vergleich mit dem zeitgleichen keltischen Siedlungs- und Hausbau möglich?
  • In Etrurien scheinen Zentralisierung/Stadtwerdung mit einer stärkeren sozialen Differenzierung/Aristokratisierung der Gesellschaft einherzugehen. Eine Rekonstruktion bzw. Analyse dieser Wechselbeziehungen steht noch aus. Die zu beobachtende soziale Differenzierung in der archaischen Zeit wird von der Forschung als Resultat einer Konzentration von Landbesitz in den Händen führender Familien und/oder Individuen gedeutet.
  • Früheste archäologische Zeugnisse für (Ansätze) einer(r) städtische(n) Zivilisation finden sich im Kernland Etruriens in der archaischen Zeit: In Tarquinia deuten die Zeugnisse auf das 7./6. Jahrhundert v. Chr., in Caere führen die Indizien ins 6./5. Jahrhundert v. Chr.
  • Dabei liefern jüngst ausgegrabene Haus- und Grabanlagen Anhaltspunkte für die Existenz einer urbanen Architektur: Gentilzische Kammergräber in Caere weisen seit der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. aufgrund ihrer Konstruktionsmerkmale darauf hin, daß die etruskische Aristokratie nicht mehr in Hütten, sondern in soliden, durch diese Gräber imitierten Häusern wohnte. Kurz nach der Mitte des 7. Jahhrunderts v. Chr. begann auch die Verwendung von Dachziegeln und architektonischen Terrakotten. In Murlo bei Siena und in Acquarossa bei Viterbo ist die Existenz zweier aristokratischer Wohnsitze bezeugt, deren früheste Bauphase in die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. zu datieren ist. Beide Anlagen lassen erkennen, daß die materiellen und technischen Voraussetzungen für eine urbane Architektur in Etrurien seit der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. gegeben waren, und zwar in Gestalt eines hohen technischen und organisatorischen Niveaus von Handel und Handwerk.
  • Gebäude, wie die genannten „Paläste“ von Murlo und Acquarossa, wurden vermutlich von wandernden Handwerkertrupps errichtet. Auch für die Schmückung der Gebäude mit architektonischen Terrakotten dürften solche Wanderhandwerker verantwortlich gewesen sein: Mitte des 6. Jahrhundert v. Chr. finden sich in Veji, Rom und Velletri Terrakotten, die mit identischen Matrizen hergestellt wurden!
  • Die Urbanisierung Etruriens (und Latiums) geht sicherlich auf eine direkte unteritalisch-griechische Vermittlung zurück. Einflüsse aus dem griechischen Kulturbereich wurden von den Etruskern bereitwillig aufgegriffen, und zwar gerade auch im Bereich der Siedlungsorganisation. Etruskische Siedlungen haben im Verlauf des 6. Jahrhunderts v. Chr. anscheinend wesentliche Komponenten der griechischen Siedlungsplanung übernommen: In Caere und Volsinii werden die Nekropolen seit der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. mit einem rechtwinkligen Straßensystem angelegt. Dies erinnert stark an die rechtwinklige Siedlungsgestalt griechischer Kolonien in Unteritaliien und Sizilien. Um 500 v. Chr. ist dieses Muster auch im etruskischen Siedlungswesen greifbar, nämlich in den Kolonien Marzabotto und Spina in der Poebene, die eindeutig nach dem griechischen Kolonisationsschema in geschlossener, streng rechtwinkliger Bebauung angelegt wurden.
  • Daß sich der Kontakt zwischen Etruskern und Kelten schon im 6. Jahrhundert v. Chr. sehr intensiv gestaltete, zeigen desweiteren die Ergebnisse jüngster Foschungen in Forcello. Der Ort, der in der Po-Ebene liegt, sechs Kilometer von Mantua entfernt, bildete schon in archaischer Zeit (Beginn der Siedlung: Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr.; vollständige Aufgabe: Ende des 5. oder Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.) einen etruskischen Binnenhafen und bedeutenden Umschlagplatz für Fernhandel offensichtlich vor allem nach Norden über die Alpen. Die Route für die Handelsschiffe von der Adria über den Po und den Mincio endete dort. Von Griechenland lief der Handel über die Adriahäfen bis nach Forcello, dort war der Anfang der Landwege in Richtung Comer See und durch die Alpen nach Burgund. In Forcello wurden so viele Transportamphoren gefunden wie sonst in der ganzen Po-Ebene nicht. Neben großen Mengen griechischer Grobkeramik, aber auch feinstem Tafelgeschirr fand sich eine Vielzahl keltischer Schmuckstücke (darunter signifikante Fibeln), die möglicherweise die Anwesenheit von Fremden in Forcello bezeugt. Der Mailänder Ausgräber Rafaele de Marinis vermutet gar den genauen Herstellungsort der keltischen Fibeln, nämlich die Gegend um den keltischen „Fürstensitz“ auf dem Mont Lassois im Burgund. Um 500 v. Chr., als in Forcello der keltische Schmuck auftaucht, wird am Mont Lassois einer keltischen Aristokratin ein monumentaler bronzener Krater ins Grab mitgegeben, möglicherweise durch Etrusker vermittelt.
  • Für ein besseres Verständnis der Entwicklung der keltischen Gesellschaft in der Späten Hallstattzeit, die offensichtlich zu einer hierarchisierten Sozialstruktur führte (monumentale „Fürstengräber“), dienen möglicherweise analoge Prozesse im Mittelmeerraum als geeigneter Zugang. Im nord- und mittelitalischen Raum entwickelt sich seit dem 9. Jahrhundert v. Chr. die protoetruskische Villanova-Kultur, die von einer in erster Linie agrarisch, nach Aussage der Gräber sozial kaum differenzierten Gesellschaft getragen wurde und noch keine Siedlungen mit urbanem Charakter kannte, zu einer Gesellschaft, die in archaischer Zeit eine auffällige soziale Differenzierung erkennen läßt, wobei Zentralorte mit teilweise städtischem Charakter die kulturellen und politischen Brennpunkte bildeten.
  • Der politisch-kulturelle Kontakt/Austausch zwischen Kelten und Etruskern bzw. Griechen dürfte in erster Linie auf aristokratischer Ebene stattgefunden haben. Im italischen Bereich läßt sich dieser Prozeß modellhaft bzw. möglicherweise analog in den archäologisch bezeugten Beziehungen zwischen den Landschaften Etrurien und Latium verfolgen. Die in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. errichteten berühmten Fürstengräber von Praeneste (Latium) stehen wohl in einem engen Zusammenhang mit der Präsenz etruskischer Dynasten in Latium. Darauf deuten nicht nur etruskisch-orientalisierende Grabbeigaben, sondern auch das Zeugnis einer Inschrift mit dem etruskischen Namen Vetusia hin. Die Ausdehnung des etruskischen Einflußbereiches nach Latium hatte offensichtlich enge Verbindungen zwischen den Aristokraten beider Landschaften zur Folge; auch in Etrurien sind im 7. Jahrhundert v. Chr. Latiner inschriftlich bezeugt. Es ist sicherlich nicht zu gewagt formuliert, wenn man solche in den mittelmeerischen Gesellschaften durchaus gut dokumentierten aristokratischen Interaktionen für die Rekonstruktion des keltisch-etruskischen bzw. keltisch-griechischen Verhältnisses nutzbar macht.

Es stellt sich also fast schon zwangsläufig die Frage, ob bzw. bis zu welchem Ausmaß solche im Kern griechischen Siedlungskonzepte über die Etrusker bzw. über Nordetrurien, wo eben auch Siedlungen nach griechischem Muster angelegt wurden, in den keltischen Raum transportiert wurden. Die Verifizierung der Hypothese einer Übernahme mittelmeerischer Siedlungskonzepte in der Keltike erfordert methodisch also in erster Linie die Prüfung der keltischen „Fürstensitze“ hinsichtlich der topographischen, konzeptionellen und baulichen Merkmale etruskischer und griechischer Siedlungen.
Einzubeziehen in die Untersuchung sind – besonders in methodologischer Hinsicht - die östlichen und nördlichen Nachbarkulturen der Etrusker, wobei insbesondere die in jüngster Zeit ins Zentrum der italischen Archäologie gerückten Picener und auch die im nordöstlichen Italien beheimateten Veneter geeignete Bezugspunkte darstellen. Die Einbeziehung der im mitteladriatischen Raum beheimateten Picener und ihrer Kultur dürfte sich als besonders lohnend erweisen: Im Picenum sind für die archaische und klassische Zeit starke etruskische und griechische Einflüsse bezeugt. Archäologische Belege hierfür finden sich in erster Linie in den Grabbeigaben, welche, wie in der keltischen Hallstatt-Kultur, einen dynamischen Prozeß der sozialen Differenzierung bzw. Aristokratisierung erschließen. Über 80 Nekropolen der Picener sind inzwischen erforscht, diesbezüglich besteht also eine in Qualität und Statistik aussagekräftige Material- und Vergleichsbasis.
Auch die Picener siedelten in Höhensiedlungen, allerdings steht die Erforschung der picenischen Siedlungen noch am Anfang. In der Zeit der etruskischen und griechischen Einflußnahme – getragen vermutlich durch Kontakte auf aristokratischer Ebene und durch Handelsverbindungen – scheint die Steinbauweise im Verbund mit rechtwinkligen Bauprinzipien in die regionale Architektur Einzug gehalten zu haben. Eine Rekonstruktion dieses Prozesses könnte sich als hilfreich für ein besseres Verständnis zeitgleicher Vorgänge im keltischen Raum erweisen.
Insofern mag das geplante Vorhaben auch dazu inspirieren, noch bestehende Forschungslücken der picenischen Siedlungsarchäologie zu füllen. Bislang hat man sich nämlich hauptsächlich auf die Untersuchung der Nekropolen konzentriert. Bereits in den 60er Jahren wurden freilich spärliche Reste der picenischen Siedlungen in Osimo und in Ancona freigelegt. In Ancona läßt sich nachweisen, daß die eisenzeitlich-picenische Siedlung ohne erkennbare Kontinuität eine protovillanovianische Vorgängersiedlung überlagert. Nach diesen frühen Grabungen lebten die Picener in Hüttendörfern, vermutlich nach Sippen aufgeteilt, Reste von Zentren mit urbanem Charakter wurden nicht gefunden.
Jüngste Funde aus Pesaro zeigen jedoch, daß dort Wohnhäuser mit rechteckigem Grundriß seit dem 5. Jh. v. Chr. gebaut wurden, die teilweise aufgehende Steinmauern und Dachziegeldeckung aufweisen. Von besonderem Interesse ist, daß die in Pesaro gefundenen Flachziegel, die aus einem mit viel Sand gemagerten Ton geformt wurden, einem Ziegeltypus zuzurechnen sind, wie er nicht nur an Orten im Picenum, sondern auch in Marzabotto identifiziert wurde. Möglicherweise läßt sich gerade anhand dieser picenischen Ziegel etruskischer Einfluß im Wohn- und Siedlungsbau der Region rekonstruieren. Der speziellen Frage nach der Übernahme von Bautechniken müßte im Rahmen des Vorhabens nachgespürt werden.
In Ancona ergaben die Grabungen der 50er Jahre auf dem Colle dei Cappuccini Reste einer einheimischen Siedlung, die ohne Unterbrechung vom 7. bis zum 3. Jh. v. Chr. bestand. Dort fand man den Abschnitt einer Trockenmauer, Partien des zur aufgehenden Architektur gehörenden Wandverputzes, einen durch Feuer gehärteten Lehmfußboden, Reste einer Art Kopfsteinpflaster und letztlich Teile einer rechtwinklig angelegten Einfriedung aus Orthostaten.
Grabungsergebnisse aus Moscosi di Cingoli, aus Pesaro und aus Montedoro di Scapezzano gewähren einen Einblick in die Möglichkeiten picenischer Architektur bzw. zeigen klar, daß der picenische Hausbau auf ein architektonisches Spektrum zurückgreifen konnte, in dem neben dem Holzbau auch schon früh (7./6. Jh. v. Chr) die Steinbauweise bekannt war. Letztere dürfte, wie angedeutet, aus dem etruskischen bzw. griechischen Bereich importiert worden sein, wobei angesichts der Grabungsresultate in Montedoro di Scapezzano sogar gefragt werden darf, ob nicht schon der picenische Hüttenbau zumindest partiell von zeitgleichen Bautechniken aus Etrurien profitierte: Picenische Hütten des 7./6. Jhs. v. Chr. finden nämlich ihre engsten Grundrißvergleiche im etruskischen Forcello in der Poebene!
Die reichen picenischen Gräber offenbaren in ihrer Ausstattung, in der orientalische, griechische und etruskische Produkte registriert wurden, den gehobenen Rang der Bestatteten, die zweifellos Mitglieder der Aristokratie waren. Der Gräberbefund läßt sich gut mit demjenigen in der Keltike vergleichen. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, daß seit dem 8./7. Jh. v. Chr. am Picenum bzw. am mitteladriatischen Raum wichtige Handelswege vorbeizogen, die weit nach Norden reichten. Erstaunlich ist beispielsweise der Nachweis von Kaurischnecken aus dem Indischen Ozean im Hallstattbereich deshalb, weil Kaurischnecken gerade im Picenum überaus häufig in Bestattungen bezeugt sind. Durchaus denkbar - und von der Forschung auch hypothetisch formuliert - ist eine Vermittlung dieser Schnecken aus dem Picenum nach Norden – vielleicht in Verbindung mit ihrem spezifischem Sinngehalt (?). Mit dem Beginn der La-Tène-Kultur finden sich in keltischen Gräbern außerdem Ringe (Trachtbeigaben), die durch gleichartigen picenischen Schmuck angeregt worden sein könnten. Kontakte zwischen dem mitteladriatischen Raum und der Keltike scheinen folglich bestanden zu haben.
Für die archaische und klassische Zeit können strukturelle Ähnlichkeiten zwischen dem keltischen Bereich und dem Picenum nicht von der Hand gewiesen werden, oder anders formuliert: Die sozialen Verhältnisse im Picenum lassen sich eher mit der zeitgleichen Situation in Mitteleuropa als mit den deutlich fortgeschritteneren Verhältnissen in Etrurien und Oberitalien vergleichen. Im 6. und 5. Jh. v. Chr. waren der adriatische Raum und der keltische Bereich offensichtlich in gleicher Weise Empfänger etruskischer und griechischer Waren. Gerade die ähnliche Sozialstruktur im mitteladriatischen Raum und in der Keltike führten möglicherweise zu ähnlichen Vorstellungen und mag folglich für die Herstellung direkter Kontakte mitausschlaggebend gewesen sein (mögliches Indiz: In beiden Gesellschaften finden sich anthropomorphe Stelen auf Grabhügeln). Ob die zur Verfügung stehenden archäologischen Anhaltspunkte dafür ausreichen, dem Picenum eine in der Tat eigenständige Mittlerrolle in den Kontakten zwischen dem italischen Raum und den keltischen Gebieten nördlich der Alpen zuzugestehen, läßt sich bislang nur als Frage aufwerfen.
Besonders für das 7. Jh. v. Chr. bezeugt der archäologische Befund im Picenum einen transapenninischen Handel etruskischer Prägung. Die Kontakte mit den Etruskern dauern in der Folge das ganze 6. und 5. Jh. v. Chr. hindurch an. Anhand der archäologischen Befunde lassen sich die Handels- und Verbreitungswege nicht nur innerhalb Mittelitaliens, sondern auch nach Norditalien plausibel rekonstruieren. Die Funddichte von griechischen Importstücken im mitteladriatischen Binnenland zeigt seit dem Ende des 6. Jhs. v. Chr. ein starkes Vordringen des Handels von den Küstenhäfen aus, die von den griechischen Seefahrern auch noch im 5. und 4. Jh. v. Chr. frequentiert werden. Bemerkenswert mit Blick auf die Fundgattungen ist das klare Überwiegen von Symposionsgefäßen, die auch im italischen Binnenland noch Verbreitung finden – auch in diesem Punkt wieder eine augenfällige Parallele zu den Verhältnissen in der Keltike. Das Picenum bildete, wie schon angedeutet, einen Ausgangspunkt für die Weiterbeförderung mediterraner Waren in den Norden. Zugleich war es auch Empfänger von Naturalien und anderen Produkten aus dem Norden. Die Region war während des 6. Jhs. v. Chr. ein wichtiges Gebiet für den Import von griechischen Luxusgütern aus Bronze, wobei ein bedeutender Anteil dieses speziellen Imports in den Bereich der Hallstatt-Kultur (z. B. Grächwil) weitergeleitet wurde. Nach der Mitte des 6. Jhs. v. Chr oder vielleicht sogar etwas früher bricht der Handel mit bronzenen Luxusgefäßen aus Griechenland im Picenum ab. Es scheint, daß griechische Bronzen nun entlang der Ostküsten der Adria bzw. über Unteritalien und die tyrrhenische Küste verhandelt werden. Im 4. Jh. v. Chr scheint das Picenum – wohl in Zusammenhang mit den Vorstößen der Kelten nach Süden – seine Handels- und Mittlerrolle zwischen dem mediterranen Raum und den Keltengebieten nördlich der Alpen wiederaufgenommen zu haben. Dieser freilich nur anhand des archäologischen Befundes rekonstruierte Prozeß des Bedeutungswandels der Rolle des picenischen Gebiets als Handelsraum warnt vor der Zeichnung eines allzu simplifizierenden Modells des Kultur- und Ideentransfers von Süden nach Norden, in dessen Rahmen eben auch mediterrane Siedlungskonzepte weitervermittelt worden sein könnten. Zunächst ist nämlich zu klären, welche Wege und Stoßrichtungen ein solcher Transfer innerhalb des italisch-mediterranen Raums verfolgte. Letztgenanntem Aspekt soll demzufolge im Rahmen des Vorhabens eine entsprechend hohe Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Nur angerissen werden soll die elementare Rolle, welche das nordöstliche Italien für die kulturellen und ökonomischen Kontakte zwischen dem östlichen Mittelmeer, Mitteleuropa, den Gebieten an der Adria und am tyrrhenischen Meer spielte. Seit dem ersten Jahrtausend v. Chr. kam einem Volk die Hauptrolle in der Vermittlung zu: den Venetern. Dort finden sich seit dem 8. Jh. v. Chr., insbesondere aber seit dem 7. Jh. v. Chr. etruskische Importe (Luxusgüter). In der orientalisierenden Epoche reflektieren diese Funde Ausdrucksformen aristokratischer Eliten, die Wertvorstellungen und Lebensstil teilen, welche – wie im keltischen Bereich! – der etruskischen Welt entlehnt sind. Die Erforschung der venetischen Siedlungen steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen, immerhin lassen sich aber gewisse Tendenzen erkennen: Wenige größere Siedlungen finden sich in den Ebenen (u. a. Ateste und Patavium), zahlreiche mittlere und kleine Siedlungen in den voralpinen Hügel- und Bergregionen, wo sie in aller Regel in Sicherheitspositionen angelegt wurden. Die großen Siedlungen in den Ebenen besaßen protourbanen Charakter; sie setzten sich aus kleinen, einräumigen Hütten mit Feuerstelle, Wänden und Dächern aus Stroh und Lehm auf Balken-/Pfostenkonstruktionen. Die Wohnhäuser der Siedlungen in den Bergregionen waren dagegen oft unterkellert. Die Bergsiedlungen, die ohne Zweifel Relaisstationen zwischen den nordostitalischen Ebenen und dem transalpinen Raum waren, betrieben wohl in erster Linie Viehzucht und Bergbau. Die daraus resultierende ökonomische Dynamik dürfte die Öffnung der Veneter gegenüber der griechischen und insbesondere auch der etruskischen Kultur sicherlich befördert haben. Deren Produkte finden sich, wie erwähnt, in zunehmenden Maße in den Gräbern einer seit dem 8. Jh. v. Chr. identifizierbaren venetischen Aristokratie.
Die Entwicklung der venetischen Kultur bietet sich im Sinne des SPP geradezu als Fallstudie für den Versuch an, den griechisch-etruskischen Kultur- und Ideentransfer in den alpinen Raum detaillierter zu rekonstruieren. Zu prüfen wäre, ob das venetische ‚Modell‘ geeignet ist, potentiell analog verlaufende Prozesse nördlich der Alpen besser zu verstehen.

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Ziele:


Ausgangspunkt für das geplante Vorhaben ist die in der Programmskizze des SPP aufgeworfene zentrale Frage nach exogenen Einflüssen und Vorbildern bei der Entstehung der Zentralorte in der Keltike. Da die Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse im Mittelmeerraum sehr viel besser dokumentiert sind, bietet sich die Gelegenheit, „Modelle zur Interpretation analoger Phänomene nördlich der Alpen“ zu entwerfen. Vor diesem Hintergrund müssen neben den westgriechischen Kolonien, die aufgrund der schieren Siedlungszahl und der stark angewachsenen Forschungsliteratur im Rahmen einer eigenständigen Abhandlung zu untersuchen sind, insbesondere die etruskischen Siedlungen in Form einer Vergleichsstudie analysiert werden. Letztgenannte etruskische Zentralorte bilden die Hauptuntersuchungsobjekte des Forschungsvorhabens.
Damit das geplante Projekt zu den etruskischen und italischen Zentralorten für das SPP nutzbar, mithin ein Vergleich mit den keltischen „Fürstensitzen“ statthaft wird, müssen folgende Aspekte systematisch untersucht werden:

  • Siedlungstopographie/Zentralortlagen;
  • Siedlungs-/Zentralortdimensionen
  • Siedlungs-/Zentralortkomponenten (Existenz und Gestaltung eines befestigten Kerns, einer Wohnsiedlung, von Handwerkervierteln, von öffentlichen Bauten, kultisch-religiöser Areale, von Nekropolen etc.)
  • Siedlungsbauweise (Bautypen, -materialien und –techniken)
  • Siedlungs-/Zentralortchronologie
  • Siedlungsstrukturen im Umland der Zentralorte
  • Sozialstrukturen innerhalb der Zentralorte
  • Wirtschaftliche Grundlagen (Wirtschaftsweisen)
  • Handelskontakte der Zentralorte
  • Vergleich mit neusten Forschungen zur Entstehung von Zentralorten in Griechenland und Kleinasien
  • Wege der Kulturvermittlung aus dem etruskischen in den keltischen Raum
Letztlich stehen zwei Hauptziele im Vordergrund: In einem ersten Schritt sind die Entstehungsprozesse und die Siedlungsbilder der etruskischen und italischen Zentralorte vergleichend zu analysieren; in einem zweiten Schritt ist zu prüfen, ob bzw. inwieweit die dabei ermittelten Resultate einen Beitrag zur Klärung der Entstehung der keltischen Fürstensitze leisten können, mithin die Entstehung von Zentralorten nördlich der Alpen von exogenen mittelmeerischen Einflüssen begleitet wurde. Somit verweist das vorgestellte Projekt über den sachbezogenen Kontext hinaus auf ein anthropologisches Thema, indem es nach den sozialen Gruppen fragt, welche in der Lage waren, Zentralisierungsprozesse einzuleiten und zu steuern.


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Letzte Änderung: 22.11.2004